Die fürsorgliche Belagerung

Manchmal ist es nicht einfach, harmonisch mit den Eltern des Partners zu leben. Und allzu oft liegt der Grund in einer übertriebenen Bemutterung. Gottfried Kühbauer schildert mögliche Auswirkungen des Gluckentums in seinem Buch LIEBE TROTZ PARTNERSCHAFT sehr trefflich. Es folgt ein Auszug aus dem Buch mit dem Titel:

Die fürsorgliche Belagerung:

Mailnachricht: „Hallo , ich heiße ……………… Ich bin 23 Jahre alt und habe mit meinem Verlobten 2 Kinder. Meine Mutter unterstützt mich total bei den Kindern. Wir sind wieder schwanger und sind uns mit dem Kind gar nicht sicher. Meine Familie hasst den Vater der Kinder. Ich kann mich nicht zwischen den Zweien entscheiden. Meine Mutter sagt: Der Tag, an dem du ihn heiratest, das ist der Tag, an dem ich sterbe! (…)“

Der Psychotherapeut Klaus Mücke bemerkt zu diesem Thema: „Die Einmischung der Eltern ist oft ein Baustein für Krisen in der Paarbeziehung. Diese tritt ein, wenn die Grenzen zwischen den Generationen nicht klar gezogen sind.“[ii] Er führt weiter aus: „Von Ablösung lässt sich meines Erachtens nicht sprechen, wenn das erwachsene Kind

  1. genau das macht, was seine Eltern von ihm verlangen,
  2. das bloße Gegenteil von dem tut, was die Eltern wollen,
  3. versucht, seine Eltern zu verändern und
  4. den Kontakt zu den Eltern abbricht.“[iii]

Das meist junge Paar sollte – um sein „Gewicht“ im Verhältnis zu den Herkunftsfamilien zu erhöhen, Grenzen ausbilden, sich jedoch nicht abschotten, sondern diese Grenzen durchlässig und sichtbar gestalten. Wird das verabsäumt oder nicht durchgehalten, wird das „schwächere“, junge Paar-(System) vom gewichtigeren Herkunfts-/Elternsystem absorbiert. Ein eigener gemeinsamer Wohnsitz mit nicht geteilter Schlüsselgewalt oder eigene Kinder erhöhen die Autonomie des jungen Paares gegenüber den Herkunftsfamilien enorm, sind aber kein Garant gegen grenzüberschreitende Bemutter- oder Bevaterungen. Sind die Unabhängigkeitsbestrebungen z.B. durch Abhängigkeiten, nicht von Erfolg gezeichnet, verhindert dies die Ablösung von den Herkunftsfamilien. Dann fährt das Paar weiterhin die nächsten Jahre mit Kind und Kegel jeden Sonntagmittag zur Mutter des Mannes, weil erstens die Wiener Schnitzel dort am besten schmecken, zweitens die Mutter regelmäßig ihren Sohn haben will und drittens sie schwer gekränkt wäre, wenn ihr Götter-Sohn und sein Anhang nicht mehr ihr Service in Anspruch nehmen würden. So ein Paar kann nur schwer seine eigene Identität entwickeln, die sich auch durch Autonomie in der Alltagsgestaltung ausdrückt.

Ein territoriales Naheverhältnis wie z.B. ein naher Wohnort zu einer der Herkunftsfamilien, läuft dieser Bestrebung zuwider. Oft sind jedoch junge Familien auf die Ressource „Herkunftsfamilie“ bei der Kinderbetreuung und auch finanziell angewiesen. Hier gilt es, gemeinsam den schwierigen Weg zwischen Autonomie und Bindung als Paar zu beschreiten. Bert Hellinger sagt zur Einmischung der Eltern:

„Frage: ‚Was soll ich tun? Meine Eltern mischen sich noch immer in alles ein.‘

Antwort: ‚Deine Eltern dürfen sich einmischen, und du darfst tun, was du für richtig hältst.‘“[iv]

Jürg Willi, der Schweizer Psychiater, bemerkt zu diesem Thema: „Doch der Aufbruch aus den Herkunftsfamilien ist oft nicht einfach. Die familiären Regeln sind einem vertraut, man kennt sich darin aus und neigt besonders in der Verunsicherung eines Konflikts in der Beziehung, auf sie zurück zu greifen. Weiters erweist sich die Bindung an Mutter und Vater oft als beständiger als vermutet. Die Enttäuschung in der Liebe besteht oft in der Erkenntnis, dass die Partner einander nicht ganz für sich haben, sondern dass der Mann mehr oder weniger auch der Sohn seiner Eltern und die Frau Tochter der ihrigen bleibt. Es kann zu schwierigen Loyalitätskonflikten kommen, wohin man mehr gehört, zum Partner oder zur Herkunftsfamilie.“[v]

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[i] Der Titel „Die fürsorgliche Belagerung“ ist ein Begriff von Fritz Simon

[ii] Mücke Klaus: Probleme sind Lösungen. Systemische Beratung und Psychotherapie – ein pragmatischer Ansatz – Lehr und Lernbuch (Mücke Klaus Öko Systeme Verlag, Potsdam, 2001) S. 371

[v] Jürg Willi: Was hält Paare zusammen? Der Prozess des Zusammenlebens in psycho-ökologischer Sicht (Rowohlt Taschenbuch Verlag, , 2008 ) S.280

Fotocredit: Bigstock/JacobLund

 

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